Antonius Höckelmann

Gesicht mit Bogen, 1984, Styropor und Gaze, bemalt; Schenkung des Förderkreises für die Kunsthalle Mannheim e.V. 1985; © VG Bild-Kunst, Bonn 2013
„Maske“, 1981 Blatt 1 – 4, Tusche auf Bütten; Leihgabe des Förderkreises für die Kunsthalle Mannheim e.V. seit 1990; © VG Bild-Kunst Bonn 2013

1937 geboren in Oelde/Westfalen
1951 - 1957 Lehre zum Holzbildhauer  
1957 - 1961 Studium an der Hochschule für Bildende Kunst in Berlin bei Karl Hartung
1960 - 1961 Vier Monate Aufenthalt in Neapel
1977 und 1982 Teilnahme an der documenta VI und documenta VII in Kassel
1983 Kunstpreis der Böttcherstraße in Bremen
2000 gestorben in Köln

Prägend für sein Werk war weder die Lehre als Holzbildhauer noch das Studium an der Hochschule der Künste in Berlin, sondern vor allem ein viermonatiger Aufenthalt in Neapel 1960/1961.
Dort faszinierte Antonius Höckelmann das reiche, ausladende Illusionstheater des Barock. Bewegtheit charakterisiert von nun an die Zeichnungen und Plastiken des Künstlers. Vor allem die Linie ist sein gestalterisches Element, mit der er die Figuren skizziert, deformiert und sie gleichsam in einen wilden Strudel mitreißt, aus dem oft nur noch Fragmente des Menschen auftauchen. In den 1981 geschaffenen vier Tusche-Blättern der Serie Masken gerinnt das Gesicht im Malprozess zur grinsenden Fratze. Mit breitem Pinsel hat der Künstler die Köpfe, die im engen Ausschnitt albtraumhaft nahe gerückt sind, umkreist und sich auf die Furchen und Falten konzentriert. Mit raschen, kurzen Schwüngen setzt er Schlag auf Schlag die Striche – Peitschenhiebe ins Antlitz. Höckelmanns Signatur ist am oberen oder unteren Blattrand Bestandteil der Zeichnung. Sie bezeugt seine innere Teilnahme.
Die Verbindung von Gegenständlichem mit der gestischen Handschrift gelingt Höckelmann auch in der Plastik. Eine Ornamentform des 17. Jahrhunderts, das Knorpelwerk, bei dem figuratives in Lineares übergeht, wurde ins Dreidimensionale überführt. Man könnte die Arbeiten – adäquat zur Wilden Malerei – als „Wilde Plastiken“ bezeichnen. 1970 hat Höckelmann im Styropor einen idealen Werkstoff gefunden, der es ihm erlaubt, das Schwungvolle der Zeichnung ins Räumliche zu übersetzen. Mit den zahlreichen Durchbrüchen negieren die Plastiken die Gesetzmäßigkeiten der Tektonik. Styropor wird wie in Gesicht mit Bogen(1984) mit leimgetränkten Gazestreifen überzogen und wild gestisch bemalt. Die expressive Farbigkeit trägt zur Ausdruckssteigerung bei. Man erkennt in den prallen, schwellenden, vor Sinnlichkeit strotzenden Schwüngen so etwas wie wulstige Lippen, der ausgreifende Bogen könnte eine Haartolle sein. Das phantastisch wurzelartige Werk, aus dem zahlreiche Augen zu blicken scheinen, ist vieldeutig wie die Natur. „Was hilft es, die Sinnlichkeit zu zähmen, den Verstand zu bilden, der Vernunft ihre Herrschaft zu sichern. Die Einbildungskraft lauert als der mächtigste Feind, sie hat von Natur einen unwiderstehlichen Trieb zum Absurden, der selbst im gebildeten Menschen mächtig wird und gegen alle Kultur die angestammte Rohheit Fratzen liebender Wilden mitten in der anständigen Welt wieder zum Vorschein bringt.“ (Goethe)


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