Hermann Nitsch

Installation, 1997, Tragbahre, Arbeiten auf Papier über Leinwand von 1997, Altar mit Taschentüchern und Zuckerwürfeln; Leihgabe des Förderkreises für die Kunsthalle Mannheim e.V. seit 1999; gestiftet von Heinrich Vetter;© VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Lebt und arbeitet in Prinzendorf, Niederösterreich

1938 in Wien geboren
Ausbildung an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, Wien
1957 Entstehung der Idee des „Orgien-Mysterien- Theaters“
1960 – 1966 Ausstellungen und Aktionen mit nackten Menschen; mehrfache Gefängnisstrafen
1971 Kauf des Schlosses Prinzendorf als Aufführungsort für Aktionen
1972 und 1982 Teilnahme an der documenta V und VII in Kassel
1989 - 2003 Lehrtätigkeit an der Hochschule für Bildende Künste, Städelschule Frankfurt am Main

Mit dem Orgien Mysterien Theater hat Hermann Nitsch seit 1959 die persönliche Aneignung der griechischen Tragödie der Tradition der Guckkastenbühne entgegengestellt. Wie im bacchantischen Rauschzustand werden Akteure und Betrachter visuell, geruchlich und akustisch stimuliert und in ein ekstatisches Geschehen hineingezogen, dass alle Sinne  - ganz der Idee des Gesamtkunstwerkes verpflichtet – umfasst. Ein dionysischer Kult wird gepflegt, in dem mithilfe von ritualisierten Handlungen Urängste, Ekelgefühle, Verdrängtes und körperliche Hemmungen freigesetzt und ausgelebt werden können.
„rohes fleisch wird zerrissen, geschlachtete schafe, rinder, tierkadaver werden geöffnet, ausgeweidet, blutschleimfeuchte, nasse eingeweide werden herausgerissen, herausgzeogen, leinwarme, heißfeuchte gedärme quellen aus den offenen tierleibern und fallen auf den boden. Gestaute, ansonsten eingeengte kraft hat ihren ausbruch, ihr fest gefunden.“ ( H. Nitsch 1981)
In der Zeit zwischen 1964 und 1983 hatte Hermann Nitsch die aus den Aktionen hergeleiteten „Schüttbilder“ aufgegeben und sich ausschließlich seinem körperbetonten Aktionstheater zugewandt, deren blutverschmierte Relikte in Ausstellungen gezeigt wurden. Die Mannheimer Installation von Hermann Nitsch geht über die Aktionsmalerei hinaus. Eine narrative, gleichsam meditativ – sakrale Situtation wird aufgebaut, die mit den Motiven von Triptychon und Altartisch spielt – welche die Gegenüberstellung des reinen, unbefleckten Ortes und der ungegenständlichen Malerei vollzieht. Die aufgestellte Bahre im Zentrum der Installation steht für den Menschen und Christus gleichermaßen: Der Körper ist angesichts des blutunbefleckten Becken – und Brustkorbbereiches zu erkennen. Im Kopfbereich spielt das Wundpflaster auf den Heilungsprozess, wie auf die Initiation in den Aktionen an: Die 2 x 24 Luftlöcher dieses Pflasters verweisen auf die 24 Zuckerstückchen auf der Altarbahre vor dem Triptychon. Der Zucker steht im Gegensatz zur Wunde, dem Schmerz, gleichzeitig ist dieser ein Hinweis auf die Fruchtsüße von Wein , der in den Aktionen von Nitsch als besonderes Mittel der Enthemmung eingesetzt wurde. Wein und das Blut Christi. Diese Assoziation entsteht, weil sich die zwei flankierenden Bildtafeln und die Bahre zu einem Kreuz ergänzen.

RL