Jean Fautrier

Grand nu couché, 1928, Bronze; Exemplar 5/9; Leihgabe des Förderkreises für die Kunsthalle Mannheim e.V. seit 1999; Erworben aus Spenden mit besonderer Unterstützung der Firmen Lochbühler zum 125-jährigen und Rack & Schuck zum 100-jährigen Firmenjubiläum; © VG Bild-Kunst, Bonn 2013

1898 geboren in Paris
1907 Umzug nach London
1912 – 1915 Studium an der Royal Academy of Arts, London
1915 Studium an der Slade School of Fine Art, London
1917 Einzug in die französische Armee
1919 Entlassung aus der Armee nach Giftgasverletzung an der Front
Ab 1923 Atelier in Montparnasse, Paris
1925 Ausstellung Galerie Guillaume, Paris
1927 erste Plastiken
Ende der 30iger Jahre verschlechtert sich Fautriers finanzielle Situation zunehmehmend. Die künstlerische Arbeit ruht einige Jahre. Rückzug in die französischen  Alpen
1940 Rückkehr nach Paris
1945 künstlerischer Durchbruch mit der Bildserie „Otages“
1960 Auszeichnung mit dem Großen Internationalen Preis für Malerei auf der Biennale in Venedig
1964 gestorben in Châtenay-Malabry, Frankreich

Kurz nach den ersten Erfolgen mit seiner Malerei wandte sich Jean Fautrier 1927 der Plastik zu, die er in der ganz spezifischen Herangehensweise der Maler-Bildhauer betrieb. Er steht damit in direkter Verbindung mit einer wieder einsetzenden Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert, die mit Pablo Picasso und Henri Matisse in der Moderne neue Impulsgeber hatte. Die Krise, in der Fautrier nach seinen ersten Verkaufserfolgen geriet, suchte er durch die Suche nach neuen Audrucksmöglichkeiten in der Skulptur auszugleichen. Der knapp 60 cm breite Grand Nu Couché von 1928 gehört zu den frühen plastischen Versuchen Fautriers, mit der herausragenden Besonderheit, dass der Umraum der Figur als plastikeigenes Sockelelement in die Körperkonzeption der Figur mithineinfließt. Die Liegende möchte nur aus einer Betrachterperspektive gesehen werden. Mit dieser Frontalausrichtung, sowie der extremen Verflächigung der Figur, deren Körper sich nur geringfügig dem Betrachter entgegenstellt, verkehrt Fautrier die wandparallele Aufsicht der Malerei mit einer Bodenorientierung, ohne jedoch die Einansichtigkeit aufzugeben. Die bewegte Oberflächenhaut, gleichzeitig aber auch die zum Teil verkümmerten Extremitäten, zeigen, dass Fautrier einen unmittelbaren Zugang zur Plastik gesucht hat, der aus dem Experiment einer additiven Montage von Körperteilen schöpfte. Wie bei Auguste Rodin führte das zur fragmentierten Figur, dem Torso. Zum anderen ruft die unmittelbare, anatomischen Gesetzmäßigkeiten gegenüber unbekümmerte Plastik Erinnerungen an afrikanische Kunst wach, die Picasso nachhaltig prägte. Doch der Ernst jener Figuren weicht hier einer heiteren, lasziven Gelassenheit. Es sind drei Einkerbungen für Augen und Mund bei dem gänzlich verflächigten Kopf der Plastik, die wieder an die Malerei anknüpfen. Denn die mit dem Pinselrücken in die nasse Farbe eingeritzten Linien der zeitgleichen Malerei laden den Flächenwert der Farbe und das schemenhafte Sujet körperlich auf.
„Eigentlich empfindet man immer nur das, was ist, noch einmal, stellt die Wirklichkeit durch emotionale Nuancen hindurch wieder her, jene Wirklichkeit, die sich verköpert in Stoff, Form und Farbe: Augenblicksschöpfungen, gewandelt ins Unwandelbare.“ (Jean Fautrier 1957)

RL