Niki de Saint Phalle

Tir - séance Galerie J, 1961, Verschiedene Objekte, Gips, Farbe auf Holztafel unter Plexiglashaube (Schießbild); Leihgabe des Förderkreises für die Kunsthalle Mannheim e.V.; Geschenk von Hans Bichelmeier anlässlich seines 65. Geburtstags 1998; © VG Bild-Kunst, Bonn 2013

1930 geboren in Neuilly-sur-Seine (bei Paris)
1950 autodaktischer Beginn der Malerei
seit 1960 lebt und arbeitet sie mit Jean Tinguely zusammen
1961 zeigt sie ihre Schießbilder als Mitglied der Künstlergruppe „Nouveaux Réalistes“
1964 entstehen erste „Nanas
1966 Installation der begehbaren 29 m langen Frauenskulptur „Hon“ im Moderna Museet, Stockholm
1971 Heirat mit Jean Tingueley
1979 Entstehung des Skulpturenparkprojekts „Giardino die Tarocchi“, bei Garavicchio, Italien
1982 Zusammen mit Jean Tinguely Realisierung des Brunnens „La Fontaine Strawinksy“ vor dem Centre Pompidou in Paris
1988 Teilnahme an der Biennale in Venedig
2002 gestorben in San Diego, Kalifornien

Die künstlerischen Arbeiten von Niki de Saint Phalle besitzen in besonderer Weise einen autobiographischen Bezug, der sich aus Kindheitserinnerungen zusammensetzt und dem Bedürfnis entsprang, aus dem Rollenbild der Frau auszubrechen, eine Selbstverwirklichung jenseits der familiären Grenzen zu finden. Sie verließ ihren Ehemann und die Kinder, das „Paradies“, um in die „Hölle“ hinabzusteigen – dabei fand sie Eingang in die französische Avantgarde im Kreis von Jean Tinguely und den Nouveaux Réalistes. Mit Reliefbildern, in denen Pistolen, Werkzeuge und Haushaltsscherben in einen Gipsgrund fixiert wurden, löste sich Niki de Saint Phalle von der ornamental-figurativen Ölmalerei ihres frühen Werkes. Portrait of my Lover, ein Bildobjekt mit Hemd
und Krawatte eines Liebhabers, dessen Kopf durch eine Dartscheibe ersetzt wurde, welche die Besucher in einer Ausstellung mit Pfeilen bewerfen durften, kulminierte in einer Vision: „...was wäre, wenn das Bild bluten würde – verwundet wäre, so wie Menschen verletzt sein könnten.“ In ihrer Vision sah sie Farbbeutel und Farbtuben neben anderen Fundmaterialien unter einer weißen Gipsschicht, die mit dem Gewehr beschossen ihre Farbschlieren heruntertropfen lassen würden. Aus der Vision wurde ein Ereignis, eine Performance, in die im Laufe der Zeit zudem zahlreiche Künstler und Kunstvermittler verstrickt wurden: Robert Rauschenberg und Jasper Johns, Pierre Restany und Leo Castelli bis hin zu Jean Fautrier. Tir à la Carabine von 1961 gehört zu den frühen Schießbildern von Niki de Saint Phalle. Die Liebe zu der ungezügelten Malgeste der Abstrakten Expressionisten und dem Materialkonzept des Objet trouvé der Nouveaux Réalistes hat in diesen Aktionsbildern eine sprechende Synthese gefunden. Die weiße Oberfläche der aufgeblähten Gipshaut des Objektbildes ist aufgeplatzt und zerschossen, wobei wie aus Bildwunden die Farbe ihren natürlichen Weg über Kordel- und Drahtarmierungen sucht. Die latent gärende Aggression wird in einem ästhetischen Dialog kompensiert.
„Das Bild war das Opfer. WER war das Bild? Daddy? Alle Männer? Kleine Männer? Große Männer? Fette Männer? Männer? Mein Bruder JOHN? Oder war ICH das Bild? Schoss ich auf mich selbst in einem RITUAL, das es mir möglich machte, durch meine eigene Hand zu sterben und wiedergeboren zu werden? Ich war unsterblich!“ (Niki de Saint Phalle 1992)

RL