Tony Cragg

Ferryman, 1997,Bronze, schwarz patiniert; Exemplar 3/3; Leihgabe des Förderkreises für die Kunsthalle Mannheim e.V. seit 2002; erworben zum 25-jährigen Jubiläum des Förderkreises aus Spenden der Mitglieder mit besonderer Unterstützung von Dr. Heinrich Vetter, der Landesbank Baden-Württemberg / Stiftung Landesbank Baden-Württemberg, der Mannheimer Versicherung und der Wilhelm Müller-Stiftung Mannheim; © VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Lebt und arbeitet in Wuppertal
1949  geboren in Liverpool
1966 – 1968 Labortechniker in der National Rubber Producers Research Association   
1969 - 1970 Studium am Gloucestershire College of Art and Design, Cheltenham   
1970 - 1973 Studium an der Wimbledon School of Art, Wimbledon   
1973 - 1977 Studium an der Royal College of Art London   
1976 Professur an der École des Beaux-Arts, Metz   
1977 Übersiedlung nach Wuppertal   
1979 - 1988 Lehrauftrag an der Kunstakademie Düsseldorf   
1988 Turner Prize, London
1988 - 2001 Professor an der Kunstakademie Düsseldorf   
1992 Chevalier des Arts et des Lettres
1994 Mitglied an der Royal Academy of Arts, London   
2001-2006 Professor für Bildhauerei an der Universität der Künste Berlin   
2002 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin - Sektion Bildende Kunst  
Seit 2009 Rektor an der Kunstakademie Düsseldorf

Eine körpergroße russische Puppe – Matruschka (1989)-, die jeweils verkleinerte weitere Figuren in sich verbirgt, steht am Anfang der perforierten Skulpturen aus Bronze von Tony Cragg. Die physische Begrenzung und Sichtbarriere der Skulpturenhaut wurde soweit aufgehoben, dass die inneren, wesenbestimmenden Strukturen sichtbar werden.
„Diese Transparenz bildet auch die Grundlage einiger in neuerer Zeit entstandenen Skulpturen, wie zum Beispiel Envelope, die versuchen, solche Formen zu verstehen und zu erfahren, und die gleichzeitig ihr inneres und äußeres Leben sichtbar machen. In diesen Arbeiten wird die Auseinandersetzung mit Maßstab von den inhärenten Beziehungen der Arbeit dominiert, und die damit verbundenen Emotionen sind stark und fordernd. Sie besitzen eine für das Erfassen ihrer Komplexität unerlässliche Ausdehnung, machen neugierig, stellen Fragen, die die Grenzen von Territorien, Zonen und deren Überschreitung betreffen, und erzeugen sogar eine Atmosphäre der Unsicherheit.“(T. Cragg 1996)
Die dünne Haut der durchlöcherten Bronzehülle von Tony Craggs 1997 enstandenem Ferryman ruft tatsächlich eine Verunsicherung hervor. Trotz ihrer gewichtigen Materialwirkung besitzt diese sich in den Raum ausbreitende Skulptur eine optische Leichtigkeit und ermöglicht ein ungehindertes Erfassen, wobei das offene System dennoch keine definitive figurative Deutung zulässt. In der Relation der Teilelemente zum Ganzen greift diese Skulptur Craggs in inversiver Form auf das Arbeitsprinzip früherer Werke zurück, in denen gefundene Plastikmaterialien zu Menschensilhouetten umgeformt wurden und damit eine poetische Aufladung der bedeutungslosen Wegwerfmaterialien – in Erweiterung der Gedanken der Arte Povera – möglich wurde. Das Ineinander verschiedener Rundkörper und Aushöhlungen in der Skulptur Ferryman meint nicht die individualisierte Figuration eines Fährmanns, als vielmehr seine verborgene Bedeutung, die Gedanken an ein fremdes Ufer überzusetzen gestattet. Der Betrachter ist aufgefordert, im Inneren der Vorstellungsbilder seinen Aufenthalt zu suchen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, die griechische Mythologie zu befragen und in der Skulptur die Synthese des Fährmanns Charon mit dem Wächter der Unterwelt, dem dreiköpfigen Hund Cerberus zu sehen.


RL